Wie aus 3 Umzügen in 1,5 Jahren die Idee zu diesem Blog entstand

„Du hast aber ganz schön viel Zeug“, bemerkte ein Freund beim vorletzten Umzug. Ich fühlte mich ertappt – und dachte mir gleichzeitig: Warte mal ab, bis du selbst umziehst, dann wirst du sehen, daß du auch viel mehr besitzt, als dir klar war… was sich übrigens später bewahrheiten sollte. Trotzdem begann ich zu dieser Zeit darüber nachzudenken, ob ich nicht mal wieder ausmisten sollte (auch wenn man das natürlich eher vor der ganzen Schlepperei erledigt haben sollte). 6 Monate später stand erneut ein Wohnortswechsel an, und mit jedem Gegenstand, den ich aus dem Regal nahm, in dem er im vergangenen halben Jahr unangetastet gestanden hatte, und vor allem mit jeder Kiste, die ich in dem Wissen in den Transporter beförderte, daß ich sie seit dem letzten Umzug nicht mal ausgepackt hatte, kam die Erkenntnis: du mußt etwas ändern. Um eines vorweg zu nehmen: Die Erfahrungen mit den diversen Umzügen von Freunden und Bekannten hat gezeigt, daß die Menge meines Besitzes keineswegs im Bereich des Messitums anzusiedeln ist, sondern vielmehr einem typischen Durchschnittswert entspricht. Dennoch dämmerte mir, daß der Optimalzustand möglicherweise anders aussah.

Ich tat, was jeder in regelmäßigen Abständen tut. Ich mistete aus. Kleiderschrank, Bücher und Zeitschriften, Papierstapel und sonstige Besitztümer wurden einer lockeren Prüfung unterzogen, das ein oder andere flog raus und dank meines Faibles für Ebay-Verkäufe sprang dabei sogar noch der ein oder andere Euro raus. Da jedoch zeitgleich mit dem Umzug in eine andere Stadt auch ein neuer Lebensabschnitt für mich anfing, stellte sich nach und nach das Gefühl ein, aus dem früheren Leben und damit auch aus den in dieser Zeit angesammelten Besitztümern herausgewachsen zu sein. Die Menge der Dinge, die mich umgab, fing an, mich zu belasten, und mit der neuen Lebenssituation und den damit verbundenen Möglichkeiten stellte sich ein Gefühl der Überforderung ein – wie wollte ich meine Freizeit gestalten, mit welchen Dingen wollte ich mich zukünftig umgeben, welche Kontakte sind wirklich so wichtig, daß ich sie auch aus der Ferne pflegen will, welche Kleidung will ich tragen, welche Filme ansehen, welche Musik hören, welche Bücher lesen und welche Veranstaltungen besuchen? Es war klar: alle Möglichkeiten offen zu haben, hat nicht nur seine positiven Seiten.

Genauso klar war auch: Es geht nicht nur mir so. Wer kennt nicht das Gefühl, sich beim nahezu unbegrenzten Angebot an Medien jeglicher Art nicht entscheiden zu können, wie er den gemütlichen Feierabend verbringen könnte? Der Blick in Buchhandlungen zeigt: Es gibt mehr Interessantes zur Auswahl, als man jemals lesen können wird. Mit jeder neu herauskommenden Zeitung oder Zeitschrift wird man daran erinnert, daß man die letzte Ausgabe nicht annähernd durchgelesen hat (ZEIT-Leser werden wissen, was ich meine). Nahezu jeder Film, den man früher möglicherweise einfach verpaßt hat, läßt sich, je nach eigenem Legalitätsbewußtsein, entweder als DVD kaufen oder auf Streamingportalen und Mediatheken ansehen, nicht zu vergessen die immer zahlreicher werdenden Serien. Über Myspace, Youtube, Last.fm und nicht zuletzt Facebook, Twitter und Konsorten werden wir stets über die die neusten Entwicklungen in der Musikszene auf dem Laufenden gehalten, und dank der Speicherkapazitäten aktueller Ipods könnten wir unseren Jahresurlaub mit permanenter Beschallung füllen, ohne je einen Track wiederholen zu müssen. Aus dem gleichen Grund haben wir die Möglichkeit, unsere Computerfestplatten mit einer Unzahl an noch so sinnlosen Dateien zu füllen – ob man die jemals wieder brauchen wird, steht in den Sternen. Mit dem Aufkommen der digitalen Fotografie (selbst vom Handy aus) stand ja aber auch viel Material zur Verfügung, das irgendwo gespeichert werden will. Nicht, daß die Dokumentation von Alltagsbanalitäten oder des Gesichtsausdrucks des Freundes nach einer durchgefeierten Nacht zwingend notwendig oder bereichernd wäre, aber wer hat, der kann, nicht wahr? Damit es überhaupt so weit kommt, muß man sich natürlich zuvor überlegen, welches der unzähligen theoretisch möglichen Outfits aus dem tendenziell überfüllten Kleiderschrank es sein soll – oder man kauft eben schnell noch was Neues.  Bei der Gelegenheit läßt sich auch noch ein Abstecher in den Drogeriemarkt des Vertrauens machen, um das x-te innovative Shampoo mit patentierter Novo™-Technologie und Seidenextrakten mitzunehmen, weil das bisherige, längst nicht verbrauchte dagegen blass erscheint. Dazu noch ein Agaven-Geißblatt-Holunder-Tee, weils so interessant klingt (leider aber eigentlich nur „gesund“ schmeckt, also höchstens mal zur Grippesaison getrunken wird), eine Packung des als äußerst gesund und nährstoffreich beworbenen Trendgetreides der Saison, das es sich bald zwischen seinen Vorgängern in der heimischen Vorratskammer gemütlich machen wird, und schon kann es wieder nach Hause gehen, um aus den zahllosen Facebookfreunden diejenigen auszuwählen, mit denen man den Abend verbringen will. Stellt sich nur noch die Frage womit, denn theoretisch kann jeder von ihnen mit einer guten Idee aufwarten, die sich an diesem Abend realisieren ließe. Alle anderen Vorschläge kommen dann eben auf die Liste der Dinge, die man „irgendwann, aber auf jeden Fall bald!“ mal machen will…

Wo früher die klare Aufgabenteilung und die begrenzte Auswahl der Jäger und Sammler war, befindet sich heute eine Welt des Massenkonsums, Cross-Sellings und „Wohlstandsmülls“, wie die Verfasser des Buches „Generation Doof“ das wöchentlich wechselnde Angebot eines Kaffeerösters an unbedingt lebensnotwendigen Dingen, die nach einmaliger Benutzung in den Schrank wandern, so treffend betitelten. Laut einer Untersuchung des Auktionshauses Ebay besitzt jeder Deutsche im Schnitt ungenutzte Gegenstände im Wert von rund 500€! Natürlich bereichert diese Vielfalt und die unkomplizierte Beschaffung unser aller Leben, und auch ich möchte die Möglichkeiten des Internets nicht missen. Es geht jedoch vielmehr um den Punkt, an dem die grenzenlose Auswahl zu zunehmender Frustration und Ziellosigkeit wird. „Von allem zuviel“ – was bei Ben & Jerry als Erfolgsrezept gepriesen wird, wächst so manch anderem einfach nur über den Kopf.

Bei der intensiveren Beschäftigung mit dem Themenbereich stieß ich auf viele einzelne Projekte, in denen Menschen versuchten, auf ihre Weise ihr Leben einfacher und übersichtlicher zu gestalten und in der teilweise unübersichtlichen und reizüberfluteten Welt des Massenkonsums in jeglicher Hinsicht für sich selbst diejenigen Dinge und Themen zu identifizieren, die ihnen wirklich etwas bedeuten und daher zu ihrem Leben gehören sollen. Den meisten geht es dabei um Ordnung, um Prioritäten und darum, sich die Rosinen aus dem großen Kuchen des Lebens rauszupicken. Die Ausprägungen und Auswirkungen dieses gemeinsamen Gedankens waren jedoch so verschieden, daß die meisten wahrscheinlich noch nie voneinander gehört hatten und auch keine gemeinsame Plattform hatten, um sich z.B. über den Fortschritt ihrer Unternehmungen auszutauschen. In den vielen Gesprächen, die ich inzwischen mit Freunden und in Internetforen geführt hatte, wurde mir jedoch klar, daß es immer mehr Menschen gibt, die das Bedürfnis haben, ihr Leben zu vereinfachen und damit gleichzeitig zu bereichern.

Und somit will dieser Blog im Gegensatz zu den unzähligen Fashion-, Lifestyle- und Selbstdarstellungsblogs nicht die neusten Errungenschaften im heimischen Kleiderschrank, die 500. neue Band und das neue Handy präsentieren, sondern den Prozess des Konzentrierens auf das Wesentliche dokumentieren. Dies ist keine Selbsthilfegruppe, sondern soll vielmehr den Austausch zu diesem Thema ermöglichen und entsprechende Projekte vorstellen und sammeln. Es geht auch nicht darum, reaktionäre und konservative Ideen zu verwirklichen oder einen asketischen Lebensstil zu pflegen, sondern um bewußten und ausgewählten Genuß. Darum, aus den vorhandenen Ressourcen zu schöpfen, anstatt blind zu konsumieren und anzuhäufen.

In diesem Sinne freue ich mich über zahlreiche Mitleser und –macher, hoffe auf reges Feedback und bin gespannt auf weitere Projekte und Gedankenanstöße.

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3 Antworten zu “Wie aus 3 Umzügen in 1,5 Jahren die Idee zu diesem Blog entstand

  1. Einen neuen Leser hast du ab nun jedenfalls. Du malst sehr schön das Bild von der Überforderung durch Überfluss. In einem anderen Bild ausgedrückt. Ich liebe die Wiederholung. Ein Lieblingsbuch, ein Lieblingsfilm häufiger das gleiche und dadurch vertieft anstatt die Masse nur oberflächlich zu erfahren. Für neues dabei aber offen bleiben, vor allem für neue Ideen. Ich freue mich auf das Lesen deiner Blogartikel. Danke vorab dafür.

    • Vielen Dank für das positive Feedback! Das motiviert mich doch glatt dazu, ganz bald mal wieder etwas Neues zu schreiben (und in diesem Zug meine Blogroll um deinen Blog zu bereichern) 🙂

  2. Ich möchte mich einmal ehrlich bedanken, dass du damals angefangen hast diesen Blog zu schreiben, und die Motivation dafür auch nach wie vor nicht nachgelassen hat. Ich habe mich durch eine Vielzahl deiner Einträge gelesen und bin sehr froh den Blog entdeckt zu haben! Ich mag sehr wie du schreibst, und fast noch mehr was du schreibst. Weiter so!

    Liebe Grüße

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