Ein ganzer Schrank voll nichts zum Anziehen

Zum Anfang meiner Reduzierungsaktion dachte ich zunächst an das Offensichtliche – meinen Kleiderschrank. Spätestens, wenn nichts mehr hineinpaßt, überlegt sich wohl jeder mal, ob man nicht mal wieder ausmisten könnte… So weit, so normal. Etwas außergewöhnlicher sind die Dimensionen, die man sich vor Augen führen muß, wenn man durch diverse Modeblogs streift und spaßeshalber aufsummiert, wie viel da – zum Teil sogar in recht jungen Jahren – so gekauft wird. Und es ist ja auch so einfach: war man früher auf die Auswahl am Heimatort angewiesen, was vor allem in ländlichen Regionen nicht besonders ergiebig war, konkurrieren inzwischen eine Vielzahl von Online-Shops um die Gunst der willigen Käufer. Selbst ausländische Marken haben ihren Exotenstatus verloren – wo man einst nach London pilgern mußte, um an Kleidung von Topshop und Co zu gelangen, reichen inzwischen wenige Mausklicks. Andere Ketten wie Primark haben direkt ihr Vertriebsgebiet auf Deutschland ausgeweitet – mit den bekannten großtütigen Folgen – ist ja schließlich alles soooo billig! Die immer schneller von Zara & Co kopierten Designerteile führen darüber hinaus dazu, daß man, sofern man bereit ist, qualitative Abstriche zu machen, nicht mal lange sparen muß, um auch außergewöhnlichere Dinge tragen zu können. Im Sale bekommt man abschließend zentnerweise Kleidung für wenig Geld förmlich nachgeworfen – und trotzdem scheinen die entsprechenden Geschäfte noch gut daran zu verdienen.

Wie ein solcher Preis für ein Kleidungsstück eigentlich zustande kommt, wurde hier sehr eindrucksvoll dargestellt. Beim Lesen des ausführlichen Berichts über die Entstehungsgeschichte eines H&M-T-Shirts für 4,95 € wurde mir klar, wie viel eigentlich hinter dem Umstand steht, daß jeder von uns in die Stadt fahren und im Vorbeigehen mal eben ein T-Shirt kaufen kann . Und was dann erst ein ganzer Stapel an T-Shirts, die man irgendwie doch nicht trägt, bedeutet, darf man sich eigentlich gar nicht vor Augen führen. Spätestens jetzt hatte ich das dringende Bedürfnis, Ungenutztes an diejenigen weiterzugeben, die es besser gebrauchen können als ich.

Ein Projekt, das mich in diesem Zusammenhang sehr inspiriert hat, war das kleine Blaue. Meike Winnemuth hat ein Jahr lang jeden Tag das gleiche Kleid getragen (das es natürlich in mehrfacher, aber identischer Ausführung gab, so daß es auch gewaschen werden konnte) und die Ergebnisse auf ihrer Homepage dokumentiert. Die Idee dahinter beschreibt sie so:

„Am Ende des Jahres gibt es 365 Fotos und wahrscheinlich einen Haufen Erkenntnisse. Über die Frage nämlich, was man wirklich braucht im Leben. Ob es eher erlösend oder belastend ist, nie darüber nachdenken zu müssen, was man anzieht. Wie die Umwelt reagiert, wenn man immer das gleiche trägt. Wann man zum ersten Mal diesen verdammten Lappen verflucht. Wie man den verdammten Lappen doch immer wieder aufmotzen kann. Und schließlich: Was man dabei erfährt über Verzicht und Bereicherung, Reduktion und Kreativität.“

Wer einmal in ihren vielen unterschiedlichen Outfits gestöbert hat, fragt sich, wozu man eigentlich die ganzen anderen Kleidungsstücke braucht, die da im Schrank hängen. Ein ähnliches Prinzip verfolgen die Urheber des Projekts Six items or less, die allen Teilnehmern genau 6 Kleidungsstücke genehmigen, mit denen sie dann einen Monat auskommen müssen (Unterwäsche, Socken und warme Jacken werden selbstverständlich nicht mitgezählt). Die Teilnehmer haben darüber hinaus die Möglichkeit, sich über ihre Erlebnisse und Eindrücke während des Projekts auszutauschen. Zwar ging es weniger darum, für das eigene Konsumverhalten sensibilisiert zu werden, sondern darum, besonders kreativ mit den vorhandenen Ressourcen umzugehen, das Fazit bleibt jedoch das gleiche: eigentlich braucht man gar nicht so viel, ein bißchen mehr Phantasie würde schon reichen. Und die nimmt wenigstens keinen Platz weg!

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2 Antworten zu “Ein ganzer Schrank voll nichts zum Anziehen

  1. Danke für die Denkanstöße. Sehr interessant, da ich mich selbst gerade mit dem Thema auseinandersetze. Danke auch für den Link zu das kleine Blaue (derzeit leider offenbar defekt, werd ich aber wohl finden).

  2. Danke für den Hinweis auf das Kleine Blaue! Mal sehen, ob es sich da um ein temporäres Problem handelt oder die komplette Seite dem Minimalismus zum Opfer gefallen ist 😉

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