Ein kleiner Rückblick

Vor rund 1,5 Jahren stieß ich im Internet auf das „Dieses Jahr verlässt jeden Tag ein Ding mein Leben“-Projekt von Meike Winnemuth, international auch bekannt als A thing a day. Da ich mein Leben zu diesem Zeitpunkt ohnehin als überfüllt ansah, beschloss ich, das Projekt auch einmal auszuprobieren, und zu schauen, wie weit ich komme.

Inzwischen haben rund 600 Gegenstände mein Leben verlassen.

Und nicht nur das: ATAD hat mein Leben verändert. Und zwar so grundlegend, wie es noch keine andere Idee zuvor geschafft hat. Neigte ich früher zum Sammeln, habe ich inzwischen den Wert des Minimalismus und der damit einhergehenden Leichtigkeit und Klarheit zu schätzen gelernt. Durch dieses simple Vorgehen, jeden Tag nur einen einzigen Gegenstand aus dem eigenen Besitz zu verschenken, verkaufen, wegzuwerfen (was ich nach Möglichkeit zu vermeiden versuche) oder in irgendeiner anderen Form einer neuen Bestimmung zuzuführen, habe ich mich permanent mit der Thematik beschäftigen müssen – ein paar Minuten täglich reichen da aus.

Ich habe heute einen viel besseren Überblick darüber, was ich besitze, und wozu man es einsetzen könnte. Ich nutze mein Hab und Gut und erlebe dadurch Neues, komme mit Freunden in Kontakt und kann immer mal wieder jemandem eine Freude machen. Ich packe leichter und schneller und habe mehr Komfort auf Reisen. Ich habe meine Aufgaben im Blick und schiebe kaum noch etwas auf die lange Bank.

Doch  die Veränderung geht noch wesentlich weiter. ich kaufe kaum noch Dinge ein bzw. nach, weil ich weiß, dass ich in den meisten Fällen auch ohne sie auskomme. Ich achte stattdessen mehr auf die Qualität der Waren, und versuche, in hochwertige und nachhaltige Produkte zu investieren – zu meinen Gunsten und zu denen der Umwelt. Ich versuche, Müll zu vermeiden bzw. zu minimieren. Auf Einkaufstüten habe ich schon früher verzichtet, inzwischen versuche ich aber auch, überflüssige Verpackungen (z.B. beim Bäcker oder in der Obstabteilung) zu vermeiden, und diese, wenn möglich, wiederzuverwenden. Ich nehme bewusst nicht jede Zeitschrift oder Infobroschüre mit, ich muss mir auch sicher sein, dass ich sie lese.

Ich brauche Reste auf, anstatt sie wegzuwerfen oder ungenutzt herumstehen zu lassen – selbst wenn das bedeutet, wochenlang täglich einen der ungeliebten Körnerkekse zu essen. Ich suche gezielt nach Rezepten, die zu dem Vorhandenen, Ungeliebten passen. Ich pflanze Samen und Kerne ein, um auch später noch Freude an meinem jetzigen Besitz zu haben. Ich verschenke zu Weihnachten Selbstgemachtes und Dinge, die ich nicht mehr brauche (und an denen die Beschenkten natürlich auch Freude haben!), anstatt Neues zu kaufen.Wenn ich Dinge brauche, die ich nicht besitze, leihe ich sie mir von Freunden, anstatt sie zu kaufen.

Ich weiß jetzt: Es geht nicht um Besitz, sondern um Zugang.

Mein Leben fühlt sich infolgedessen sowohl leichter und freier als auch reicher und konzentrierter an. Ich habe das Gefühl, dem „Wesentlichen“, das mich im Innersten ausmacht, wieder viel näher zu sein als früher mit wesentlich mehr Gegenständen. Ich bin fokussierter.

Wohin mich diese Entwicklung noch führen wird, weiß ich nicht. Ich bin ja nach wie vor überrascht über jede weitere Facette, die meine neue Lebensweise mit sich bringt. Und soweit ich das abschätzen kann, ist der Prozess noch lange nicht am Ende – zu vielfältig sind die Möglichkeiten, die sich durch ein kleines Verrücken des eigenen Standpunkts ergeben. Ich erwarte die weiteren Entwicklungen mit Spannung, auch wenn ich weiß, dass ich es einfach auf mich zukommen lassen muss.

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2 Antworten zu “Ein kleiner Rückblick

  1. Bei mir geht es nicht ganz so radikal zu, aber es war auch die Meike, die mich drauf gebracht hat: Mensch, werd doch mal was los! Ich habe nicht mitgezählt und hier stehen noch Unmengen Dinge, aber wenn man sich jedes Wochenende ein Regal oder einen Schrank vornimmt und das mehrmals im Jahr macht, dann wird es weniger und andere freuen sich darüber. Oder vielleicht sogar man selbst, manches findet bei Ebay oder auf einem Flohmarkt einen Abnehmer.

    Es ist gut, sich über die Dinge zu freuen, die übrig bleiben. Weil sie wirklich wichtig sind. In Zeiten der Knappheit hat man sich nur die wichtigen Dinge gekauft. Aber heute herrscht kein Mangel mehr. Auch wer nicht so viel verdient, kann sich alles kaufen – zur Not eben in unsäglichen Billigvarianten aus Sonstwo, die keine Freude machen.

    Es geht meiner Meinung nach nicht darum, wie viele Dinge man hat, sondern was man damit macht. Die Dinge bekommen einen Sinn, wenn sie gebraucht werden.

    Erst heute habe ich ein nettes Interview zu einem verwandten Thema entdeckt:
    http://www.zeit.de/2007/52/Interview-Rosa

    PS: WordPress.com nervt gewaltig – wenn man ein Mailadresse bei Gravataar registriert hat, lässt es einen ohne Login nicht kommentieren, auch wenn man bei WordPress gar keinen Account hat.

    • Den Artikel habe ich auch schon gelesen und für sehr interessant befunden… Ich glaube ja nach wie vor, dass das jetzt langsam wirklich zur Massenbewegung wird.

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