Die Kehrseite des Konsums: Neid.

IMG_1641

Erst kürzlich musste ich wieder an eine ehemalige Freundin und das letzte Wochenende denken, das wir gemeinsam verbracht haben. Es hatte so vielversprechend angefangen: Sie kannte Hamburg nicht und wollte das ändern, ich war riesig froh, dass ich mal wieder einen Grund hatte, in den Norden zu fahren, und bastelte ein (wie ich fand) schönes, rundes Programm für uns beide.

Die Fahrt begann, wir hatten schon im Zug einen Riesenspaß, starteten mit Franzbrötchen an der Binnenalster und hatten sogar mit dem Wetter Glück, das uns einen strahlend blauen Himmel präsentierte. Und irgendwo auf halber Strecke ist das Ganze dann gekippt. Erst schleichend, später zunehmend offener verschlechterte sich ihre Laune, was ich zwar nicht verstand, aber zumindest erst mit Aufmunterung, dann mit Ruhe zu verhindern versuchte. Einer der letzten Programmpunkte war ein kleiner, aber schöner Flohmarkt, wo ich wenigstens mit Hinweisen auf Dinge, die ihr gefallen könnten, die Stimmung retten wollte. Gegen Ende trafen wir uns mit unserer Ausbeute wieder, die auf beiden Seiten wirklich gut ausgefallen war, und zeigten uns unsere Schätze. Besonders freute ich mich über eine Tasche der Olympischen Spiele von 1972 in München, was mir wohl auch anzusehen war. Und da sah ich in ihren Augen wiederum, was sie offensichtlich schon die ganze Zeit umtrieb: Neid. Vielleicht fühlte sie sich unsicher in der großen Stadt, vielleicht kam ihr ihr eigenes Leben in dem Moment klein und langweilig vor, vielleicht hat irgendwas an diesem Wochenende etwas in ihr berührt, was ihr fehlte. Ich weiß es nicht, und hatte leider auch keine Möglichkeit mehr, es herauszufinden. Am nächsten Tag fuhren wir schweigend zurück; mein Versuch einer Aussprache endete damit, dass sie den Kontakt abbrach.

Was hat das Ganze nun mit Konsum zu tun? Wenn Besitz Glück verheißt, bedeutet mehr Besitz scheinbar mehr Glück (gleiches gilt natürlich auch für immateriellen Besitz wie Erfahrungen, Fremdsprachenkenntnisse, Soft Skills etc). Wer sich das nicht leisten kann (und sei es nur temporär während seiner Ausbildungszeit), hat schnell den Eindruck, zu kurz gekommen zu sein. Mich persönlich macht es zunehmend traurig, wenn ich sehe, dass viele Menschen in meiner Umgebung Neid zu einem zentralen Thema ihres Daseins machen. Oft werden Menschen, die mehr wissen/erlebt haben/können als man selbst als Bedrohung empfunden (Zitat: „Ich unterhalte mich gerne mit Menschen, in deren Leben vorwiegend normale Dinge passieren. Wenn mir jemand von seiner letzten Weltreise erzählt, merke ich nur, was ich selber noch nicht geschafft habe.“). Und natürlich gibt es auch Dinge und Fähigkeiten, die mir im Gegensatz zu anderen fehlen. Ich lebe studentisch, obwohl es anders sein könnte, und habe Schwächen wie jeder andere auch. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man konstruktiv damit umgehen kann.

Ein paar Vorschläge:

  • Die Fremdsprachenkenntnisse von Freunden ermöglichen es einem selbst, Urlaub an Orten zu machen, die einem sonst verwehrt oder erschwert wären (ich war meinem Bruder in China SO dankbar!)
  • Wer weniger besitzt, muss sich um weniger kümmern. Gutes Beispiel: Bahnfahren statt das eigene Auto zu pflegen, warten, reparieren, betanken…
  • Von den Erfahrungen anderer zu hören kann unglaublich inspirierend sein, öffnet den Blick für neue Optionen und bietet die Möglichkeit, Neues zu lernen
  • Die Freundin hat die große Filmsammlung, die man selbst auch gerne hätte? Super, sie verleiht bestimmt gerne mal den ein oder anderen Film daraus.
  • Ganz banal: auf das konzentrieren, was man kann und hat, anstatt sich über das zu grämen, was einem fehlt. Und sich die Gelassenheit zulegen, dass man zum einen nicht alles braucht, und zum anderen selbst mit vielen Gaben und Talenten gesegnet ist.
  • Und wenn es einen wirklich wurmt: herausfinden, warum  es einem so wichtig ist, und ggf. auch, wie es sich erwerben lässt (zugegeben: bei einer Mondrakete wird’s schwierig).

Ich wünsche euch ein neidloses und friedliches Wochenende!

Advertisements

5 Antworten zu “Die Kehrseite des Konsums: Neid.

  1. Den Umfang und Wert des Besitzes legt jeder selbst fest. Dabei spielt der Wert an aufgebrachten Kapital keine Rolle. Das ist ja allgemein bekannt 😉

    Wenn ich mit einem Lebensumstand unzufrieden bin, dann muss ich diesen ändern. Möchte ich ein gewisses Produkt, weil ich meine es zu brauchen, dann muss ich dafür arbeiten um es zu bekommen.

    Neid ist dabei keine Hilfe und macht nur unglücklich. Die Energie die man dabei verbraucht kann man gut gebrauchen um die persönlichen Wüsche zu erfüllen.

  2. Menschen vergleichen sich, das ist normal. Aber zu gerne übersieht man, was man eigentlich schon hat, was vielleicht mit Mühe erarbeitet ist, und was nur etwas zu selbstverständlich geworden ist. Wenn man sein eigenes Leben wie es eben ist mehr wertschätzen kann, dann geht der Neid zurück, denn es ist ja alles ganz gut, und bei den anderen ist es eben anders gut, und gut so. Sagt sich so leicht – ist aber vielleicht auch eher eine Lebensaufgabe. Bewundern statt beneiden.

  3. Guter Beitrag! Ich kenne das Gefühl auch, dass ich mein Leben langweilig finde, obwohl ich das, was andere Leute machen (z.B. Fernreisen) selbst gar nicht möchte. Eigentlich verrückt…

  4. Oh schade, dass das Treffen mit deiner Freundin so gelaufen ist. Gab es in der Zwischenzeit denn wieder Kontakt?
    Neid ist ne fiese Sache; Kann aber auch wie du schreibst extrem hilfreich sein. Denn auch durch Neid erkenne ich, was mir fehlt und kann darüber nachdenken ob ich es auch wirklich haben will.

    • Nein, wir haben leider keinen Kontakt mehr. Ich denke, sie muss da erst einmal die Dinge für sich selbst ordnen, das kann ich ihr leider nicht abnehmen. Und ja, Neid konstruktiv zu nutzen bringt uns wohl am meisten weiter.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s