Vom Zauber des Anfangs

ZEIT Online

Vor kurzem stellte ich erfreut fest, dass es dieser ZEIT-Artikel inzwischen ins Online-Angebot geschafft hat. Ausgehend von der Kunstaktion von Candy Chang zeigt Caterina Lobenstein auf, dass ein Zuviel an Neuanfängen (ständig wechselnde Konsumartikel, Jobs, Wohnorte) nicht unbedingt die Qualität des Neuanfangs steigert – sondern dass der vielbeschworene Zauber vielmehr schwindet.

An sich sollte man meinen, dassein Neuanfang das Leben erst einmal schöner und besser macht. Das galt mit Sicherheit für die vorindustriellen Entdecker und Erfinder, die von ihrem Innovationsgeist befeuert mit Optimismus in die Zukunft sahen. Doch seitdem Produkte immer schneller und einfacher hergestellt werden können und somit einen immer kürzeren Lebenszyklus durchlaufen (und das Verfallsdatum von Handys, Mode und Co in immer größere Nähe rückt), wächst der Druck – das neue muss immer noch ein bisschen besser oder schöner sein, um gerechtfertigt zu sein, das ist aber irgendwann nur noch begrenzt möglich. Neue Produkte sind daher oft nur noch scheinbar neu (neue Farbvarianten, neue Gestaltung von Oberflächen etc). Die Alternative: Produkte nicht mit neuen Funktionen, sondern mit neuen, wechselnden Emotionen aufladen (vielfach gesehen z.B. bei Autos und (Sportartikelherstellern).

Das gleiche Phänomen zeigt sich auch im Privatleben. Berufseinsteiger bleiben im Schnitt nur noch 536 Tage bei ihrem Arbeitgeber und sind ohnehin oft nur befristet angestellt, ziehen in Folge dessen oft um und reduzieren ihren Besitz (hurra! ;)) oder lagern ihn ein (in Container investieren könnte sich lohnen). Eine weitere Begleiterscheinung ist jedoch, dass bei zunehmender Flexibilität der Arbeitszeit immer weniger Zeit mit Freunden oder der Familie verbracht wird bzw. der Kontakt durch den ständigen Wechsel des Umfelds oberflächlicher wird. Nicht verwunderlich ist daher, dass auch die Zahl der Eheschließungen in diesem Zusammenhang zurückgeht.

Nach und nach breitet sich das „Nichts verpassen wollen“-Gefühl auf alle Lebensbereiche aus und wird bei vielen zur Sucht. Aber auch wer es nicht so weit kommen lässt, kann sich dieser Entwicklung nur begrenzt entziehen – so bedeutet die immer kürzer werdende Halbwertzeit bei Produkten z.B. auch, dass für vermeintlich „alte“ Geräte irgendwann der Service eingestellt wird (auch wenn das Produkt vielleicht noch gebrauchsfähig ist).

Und dennoch:

Wenn das Leben zur endlosen Aneinanderreihung von Neuanfängen wird, schwindet der Reiz des Neuen. Nahtlos verdrängt der eine Anfang den anderen. Und den Zauber gleich mit.“

In diesem Licht klingen die Neuanfänge unglaublich deprimierend. Doch wie immer ist wohl das Maß entscheidend – ich möchte zumindest nicht die Vielzahl an neuen Erlebnissen missen, die mir meine Neugier beschert hat. Einen Ratschlag gibt die Autorin einem zum Schluß immerhin noch mit: sich wie bei der genannten Kunstaktion mit Sätzen wie „Bevor ich sterbe, will ich…“ vor Augen führen, was wichtig ist. Und was nicht.

Wie viele zauberhafte Neuanfänge braucht ihr in eurem Leben?

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Eine Antwort zu “Vom Zauber des Anfangs

  1. Letztens war ich bei einer Lesung von Ulrich Schaffer, der viel über Sehnsucht gesprochen hat – auch darüber, dass das schöne an der Sehnsucht vergeht, wenn Wünsche in Erfüllung gehen. Dann muss eine neue Sehnsucht her.
    Ich denke: Es ist schön, sich auf Neues zu freuen, ihm entgegen zu sehnen, und natürlich dann auch, es zu bekommen. Gibt es keine Vorfreude, so reicht doch das Bekommen allein zu keinem Glück aus, oder nicht?
    Was keine Verbesserung verspricht, braucht man auch nicht kaufen. Man kann sich ja nicht mal drauf freuen. Und somit wird das Kaufen zur Mühe. (Und das andere sowieso, den Job nur wechseln, weil er neu sein muss? Hallo? Was nen Stress.)
    Wir sollen aber alle kaufen, deswegen müssen andere Anreize geschaffen werden – die eben beschrieben, durch Aufladen mit Emotionen, etc.
    So viele Neuanfänge brauche ich gar nicht, ich habe manchmal fast zu viele davon. Ab einem gewissen Punkt im Leben sehnt man sich nach Konstanten, nach Fixpunkten. Die Balance zwischen Fixpunkten und Neuanfängen, das isses am Ende…

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