Minimalistisch promovieren.

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Quelle: xkcd

Das Jahr 2015 war vergleichsweise blogarm, weil sowohl mein Job als auch meine Promotion zunehmend mehr Zeit beansprucht haben. Wenn man dann noch Sport auf Wettkampfniveau betreiben, eine Fernbeziehung pflegen und irgendwann noch mal fünf Minuten für sich selbst haben will, wird’s zwangsläufig eng im Terminplan. Umso wichtiger war ein Workshop, in dem der Kursleiter das Thema Promotion etwas brachial auf folgendes herunterbrach: „Promovieren bedeutet, dass Sie am Ende in der Lage sein müssen, einen Stapel beschriebenes Papier abzugeben. Wenn Sie dazu in der Lage sind: tun Sie es! Und fragen Sie sich irgendwann nicht mehr, ob das nicht alles noch etwas ausführlicher oder detaillierter gegangen wäre.“ Dieser Ausspruch hat meinerseits zum einen gehörig Druck aus der Sache genommen (ohne dass ich mein Thema jetzt auf die leichte Schulter nehmen würde, aber das kann vermutlich ohnehin kein Doktorand, der die Sache nur ansatzweise ernst nimmt), und es zum anderen erleichtert, schnelle Entscheidungen zu treffen, wo es zeitlich nicht anders möglich war. Und irgendwann stellt man fest: war gar nicht so schlimm und das Ergebnis kann sich trotzdem sehen lassen.

Ausgehend davon habe ich auch in anderen Lebensbereichen gelernt, nur 100% statt 120% zu wollen. Althergebrachte Normen und Regeln zu hinterfragen (ist das perfekte Geburtstagsgeschenk wichtig oder nicht vielmehr der schöne gemeinsame Tag, an dem man sich für den Betreffenden Zeit genommen hat, obwohl eigentlich keine da gewesen wäre?) und mich von diversen „Ich muss“ gelöst (ich muss nicht aussehen wie aus dem Ei gepellt, wenn es die zeitliche Situation nicht hergibt. Ich muss nicht sklavisch eine Liste mit 365 aussortierten Dingen pro Jahr führen, weil das Thema sich längst in mein Unterbewusstsein eingebrannt hat. Ich muss nicht permanent auf dem Laufenden sein. Ich muss nicht immer die Feuerwehr in allen Lebenslagen für meine Familie sein.).

Und gleichzeitig fällt mir eine riesige Last vom Herzen, weil plötzlich alles ineinandergreift und die vergangenen Jahre im falschen Leben doch irgendwie Sinn machen. Unterm Strich waren die meisten Erfahrungen und Lernprozesse der letzten Jahre in irgendeiner Art und Weise hilfreich und flossen in meine Arbeit ein. Und selbst wenn man versucht, sich auf das Wesentliche zu beschränken, sind mit einem solchen Projekt dennoch die unterschiedlichsten Aufgaben verbunden.

Für diese Promotion habe ich:

  • Trainingsmittel am eigenen Leib ausprobiert
  • Einen Schwimmtechnikkurs belegt
  • Swimming Studies gelesen
  • Youtube geguckt
  • Genäht
  • Kuchen gebacken
  • Namensschildchen, geeignete Verpackungen und Aufbewahrungsmöglichkeiten für ungefähr alles gebastelt
  • Gelernt, dass Süßigkeiten manchmal mehr bewirken als 1000 Worte
  • Technische Geräte gereinigt und gewartet
  • (Auch im Job) gelernt, Versuche zu planen und zu dokumentieren
  • Bergeweise Dokumente, detaillierte Ablaufpläne und Formulare produziert
  • Trainingspläne erstellt
  • Alle meine Kontakte rund ums Schwimmen (Trainer, Schwimmmeister, Mitarbeiter des Hochschulsports und des Olympiastützpunkts, Studenten, ehemalige Arbeitgeber, zufällige Bekannte) genutzt (und festgestellt, dass der kommunikative Part der ist, der mir am schwersten fällt)
  • Meine Ortskenntnisse und mein Wissen um Strukturen und Inhalte im Schwimmsport eingesetzt
  • Viel Zeit in Trainerzimmern verbracht
  • Gelernt, mich mit 14-16jährigen auseinanderzusetzen und den Spagat zwischen Autoritätsperson und Kumpel zu schaffen
  • Einblicke in den Alltag eines Sportschülers gewonnen
  • Mit italienischen Onlineshops, britischen Wissenschaftlern und Schwimminteressierten aller Art kommuniziert
  • Vorträge gehalten, auch wenn ich das hasse
  • Studenten betreut und angeleitet
  • Kongresse und Fortbildungen zu den Themen Selbstplagiat, Kompetenzanalyse, Karriereplanung und wissenschaftliches Schreiben besucht
  • Gelernt, dass ich am allerproduktivsten in der Deutschen Bahn bin
  • Mich gefühlte 100 Mal mit diesem Video motiviert
  • Beim Austausch mit anderen Doktoranden erleichtert festgestellt, dass wir alle im selben Boot sitzen
  • Citavi lieben gelernt, weil es genau meiner Arbeitsweise entspricht
  • Mich über einen eigenen Arbeitsplatz in der Uni gefreut
  • Am laufenden Band umdisponiert
  • 4 Menschen und 5 Geräte auf den gleichen Termin koordiniert
  • Auch mal eine Woche lang mehr oder weniger das gleiche gegessen, weil für mehr die Kreativität fehlte
  • Datensicherungen zu schätzen gelernt
  • Mich mit 4 Nebenjobs und zahlreichen Nebenprojekten über Wasser gehalten

Noch bin ich leider nicht am Ende, aber ich weiß inzwischen immerhin, dass ich es erreichen werde. Spätestens mit Beginn der Schreibphase wird vermutlich auch dieser Blog davon profitieren, weil das hier unterm Strich einfach die leichtere Textproduktion und somit ideal zum Reinkommen ist 😉

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6 Antworten zu “Minimalistisch promovieren.

  1. Vielen Dank für diesen schönen Beitrag.

    Ich bin gerade dabei, das Thema „Dissertation“ abzuschließen. Der Verlag arbeitet am Erstdruck – und wenn alles gut läuft, erscheint die Arbeit in rund acht Wochen. Eine unheimliche Last, die mir von den Schultern fällt. Ich muss erst wieder lernen, meinen Alltag ohne den Spagat zwischen Job – Diss – Blog und den ganzen anderen Interessen zu leben. Darüber hinaus versuche ich ebenfalls, nicht (mehr) darüber nachzudenken, wo man dies und jenes hätte anders machen können.

    Ich wünsche Dir weiterhin viel Durchhaltevermögen sowie den notwendigen Flow beim Schreiben. Und lese weiterhin gerne Deine Posts mit :-).

    Herzlichst
    M21

    • Danke 🙂
      Wenn es nach mir geht, darf der Großteil gerne zum Jahresende geschafft sein, eine Deadline gibt es aber nicht (außer dass ich in ein paar Jahren irgendwann mal aus dem Doktorandenprogramm fliegen würde, aber das muss ich ja nicht ausreizen ;)). Die Deadline entsteht eher als Kompromiss aus „wieviel schaffe ich“ und „wie lange will ich noch mit einem studentischen Budget auskommen müssen“.

      • oh, das verstehe ich – bin alle paar Wochen (ja okay, TAGE) kurz davor, das Zweitstudium hinzuschmeissen, weil ich das arm sein so satt habe… 😉

  2. Majka, wie lange musst du denn noch durchhalten? Ich finde ja, das Schlimmste, was man machen kann, ist, sich mit denjenigen zu vergleichen, die den „normalen“ Weg gegangen sind – das wären bei mir nämlich diejenigen, die gerade ihr Haus abbezahlen (während ich nach wie vor in einer WG wohne) 😉

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